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Fortschritte bei der Ammoniumrückgewinnung mit bioelektrischen Systemen

DOI: 10.13140/RG.2.2.30016.19204

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Schwerpunkt der Abwasserbehandlung von der reinen Entsorgung hin zur Rückgewinnung von Ressourcen verlagert. Dabei werden im Abwasser enthaltene Energie und Nährstoffen erschlossen. Unter den aufkommenden Technologien befinden sich auch bioelektrische Systeme. Neben Energie und Kohlenstoff können auch wertvolle Verbindungen wie Ammonium zurückgewonnen werden. In Ammonium gebundener Stickstoff ist ein zentraler Bestandteil von Düngemitteln. Zwei Drittel dieser Ressource werden heute im sehr energieaufwendigen Haber-Bosch-Verfahren mithilfe von Erdgas aus Luft gewonnen. Die Düngemittelherstellung trägt damit wesentlich zu anthropogenen CO2-Emmissionen und schlußendlich zur globalen Erwärmung bei.

Bioelektrische Systeme zur Ammoniumrückgewinnung werden in mikrobielle Brennstoffzellen und mikrobielle Elektrolysezellen unterteilt. In beiden oxidieren elektrogene Mikroorganismen im Abwasser enthaltenes organisches Material zu Kohlendioxid und Protonen. Elektrogene Mikroorganismen werden auch als anodenatmende Bakterien bezeichnet. Im Gegensatz zu sauerstoffatmenden Bakterien nutzen Elektrogene die Anode als Elektronenakzeptor und gewinnen dadurch Energie für ihren Stoffkreislauf.

Durch die Verbindung mikrobieller Aktivität mit elektrochemischen Prozessen werden die chemischen Reaktionen bei der Abwasserreinigung effektiv katalysiert. Diese neuartige biokatalytische Anwendung steht jedoch vor Herausforderungen bei der Optimierung für den praktischen Einsatz. Bei Frontis Energy haben wir in einem patentierten Verfahren schon gezeigt, daß Ammonium in bioelektrischen Systemen effektiv aus Abwasser entfernt werden kann. Wir arbeiten derzeit daran, das Verfahren für den industriellen Einsatz zu skalieren. Allerdings fehlt derzeit noch das Verständnis sowohl der genauen Prozesse, als auch der für mögliche Rückgewinnung von Ammonium.

Eine neue Studie der Autonomen Universität Barcelona wurde die Entwicklung und Optimierung bioelektrischer Systeme untersucht. Ziel war es, Ammonium aus Abwasser energieeffizient und in konzentrierter Form zurückzugewinnen. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachblatt Bioelectrochemistry veröffentlicht. Mithilfe einer Drei-Kammer-Konfiguration mit hydrophober Membran untersuchten die Forscher systematisch den Einfluß unterschiedlicher Stromstärken und Ammoniumkonzentrationen auf die Rückgewinnung. Das System erreichte seine höchste Ammoniumrückgewinnungsrate von 55 g / m² / Tag bei einem Strom von 75 mA. Insgesamt wurde eine 97%ige Entfernung des Ammoniums aus einer 0.3%igen Lösung erzielt.

Bemerkenswerterweise fließen Elektronen vom Anoden- zum Kathodenbereich über einen externen Stromkreis, wo sie mit einem Elektronenakzeptor reagieren. In Systemen zur Rückgewinnung von Ammonium wandern Ammoniumionen durch eine Kationenaustauschmembran von der Anode zur Kathode, angetrieben durch Konzentrationsgradienten und das elektrische Feld, wodurch sie sich in der Kathodenkammer anreichern können.

Während dieser Ionentransportmechanismus eine effiziente Ammoniumrückgewinnung unterstützt, beobachteten die Forscher, daß ein Betrieb mit hoher Leistungsfähigkeit zu einem Materialverschleiß an der Kathode führte. Das unterstreicht die Notwendigkeit, Betriebsintensität mit Materialbeständigkeit in Einklang zu bringen. Folglich untersuchten die Forscher verschiedene Kathodenmaterialien und Spannungen. Dabei zeigte sich, daß Edelstahlkathoden bei 1,4 V die besten Ergebnisse lieferten – mit einer Entfernungsrate von 21 g / m² / Tag und einer Rückgewinnungsrate von 17 g / m² / Tag, vor allem aufgrund der verbesserten Kationenmigration infolge höherer Stromdichte.

Langzeitversuche zeigten, daß eine höhere Ammoniumkonzentration im Anolyt die selektive Migration von Ammoniumionen durch die Kationenaustauschmembran deutlich verbessert. Diese Verbesserung steigert wiederum die Gesamtleistung des Systems. Der Betrieb bei 1,4 V erhöhte die Rückgewinnungseffizienz und senkte den Energieverbrauch pro Gramm Stickstoff – was den Prozeß kosteneffizienter und umweltfreundlicher machte.

Diese Erkenntnisse unterstreichen das praktische Potential bioelektrischer Systeme als wegweisend zur nachhaltigen Stickstoffrückgewinnung. Durch die Abstimmung von Materialwahl, Systemdesign und Betriebsparametern lassen sich hohe Ammoniumentfernungs- und Rückgewinnungsraten bei minimalem Energieeinsatz erzielen.

Aus industrieller Sicht stelt diese Studie einen skalierbaren Fortschritt in Richtung Ressourcengewinnung bestehender Abwasserbehandlungssysteme dar. Skaliert könnte die Technologie die Abhängigkeit vom energieintensiven Haber-Bosch-Verfahren reduzieren.

Da es sich bei Ammonium in konzentrierter Form um ein marktfähiges Produkt handelt, senkt seine Rückgewinnung die Betriebskosten von Kläranlagen. Sollte das skalierte Produkt durch die selbe stabile Langzeitleistung und geringen Energiebedarf überzeugen, wären dies starke Argumente für den Einsatz bioelektrischer Technologien im Rahmen der Kreislaufwirtschaft.

Bei Frontis Energy sehen wir großes Potential darin, diese Technologie zu skalieren und einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Abwasserbehandlung zu leisten.

Ul, et al. 2025, Electrochemical and bioelectrochemical ammonium recovery from N-loaded streams using a hydrophobic membrane, Bioelectrochemistry, Volume 166, 109013, DOI: 10.1016/j.bioelechem.2025.109013.

Bild: Shutterstock

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Dezentrale bioelektrische Behandlung kommunaler Abwässer im Pilotmaßstab

Pine Creek Abwasserreinigungsanlage

DOI: 10.13140/RG.2.2.10734.98888

Wachsende städtische Bevölkerungen und steigende Anforderungen an die Wasserinfrastruktur machen die dezentrale Abwasserbehandlung zu einer dringenden Forschungspriorität. Konventionelle zentrale Anlagen sind oft energieintensiv und in ihrer Fähigkeit zur Rückgewinnung wertvoller Ressourcen begrenzt.

Die Erforschung integrierter bioelektrischer Systeme eröffnet einen Weg, nicht nur die Nährstoffentfernung zu verbessern, sondern auch nützliche Nebenprodukte wie Biogas oder Wasserstoff zu erzeugen. Studien im Pilotmaßstab sind notwendig, um die Machbarkeit zu demonstrieren, das Reaktordesign zu optimieren und die Leistung unter realistischen Betriebsbedingungen zu bewerten.

Forscher am Mexikanischen Institut für Wassertechnologie (IMTA) in Jiutepec, Mexiko, gingen auf den dringenden Bedarf an nachhaltigen, modularen Lösungen ein. Sie veröffentlichten kürzlich ihren Pilotversuch in der Fachzeitschrift Bioprocess and Biosystems Engineering. Ihr System könnte möglicherweise Haushalten, Hotels und anderen Einrichtungen dienen, in denen sowohl Abwassermengen als auch Energiebedarf zusammenfallen.

Ein integriertes, dezentrales Behandlungssystem, bestehend aus einem Elektrolyse-Reaktor, einem anaeroben Biofilmreaktor und einem aeroben Moving-Bed-Reaktor, wurde im Pilotmaßstab getestet. Das Gesamtvolumen betrug 50 Liter, wobei 10,4 Liter der Elektrolysekammer zugeordnet waren. Häusliches Abwasser wurde behandelt, während gleichzeitig Wasserstoff erzeugt wurde.

Das System umfasste die folgenden Einzelreaktoren:

  • Eine Elektrolysekammer mit Graphitfilz-Anode und -Kathode sowie einer Kationenaustauschmembran (CMI‑7000S),
  • Einen Festbettreaktor mit Polyurethanschaum als Trägermaterial,
  • Einen aeroben Moving-Bed-Reaktor mit modifizierten LDPE-Trägerelementen (≈1.500 m²/m³ spezifische Oberfläche) und gezielter Belüftung,
  • Eine Hochleistungs-Sedimentationseinheit.

**Das System wurde in einem Tank installiert und unter kontinuierlichem Durchfluß mit zwei unterschiedlichen Raten betrieben. Die hydraulische Verweilzeit betrug 0,75 oder 1,5 Tage. Die angelegten Spannungen lagen zwischen 0,7 und 1,0 V. Verschiedene organische Belastungen (chemischer Sauerstoffbedarf, COD) von 0,2–0,44 kg/m³/d wurden ebenfalls untersucht.**

Kontamination Abbau
CSB 81–84%
BOD₅₀ 84–85%
TSS 76–88%
TN 53–68%
NH₄⁺ 88–98%
TP 11–30%

Mit zunehmender Belastung nahm die Abbaurate dazu ab. Die Stromdichten erreichten bis zu 0,41 A/m² bei einer maximalen Wasserstoffproduktion von 0,007 L/L/d (absolut: 0,072 L/d). Die höhere Spannung von 1,0 V förderte sowohl die Wasserstoffbildung als auch die Umwandlungen von Stickstoff und Phosphor. Eine Kontrolle ohne angelegte Spannung wurde genutzt, um den Beitrag der Spannung zur Behandlungsleistung zu isolieren.

Diese spannungsfreie Kontrolle quantifizierte den tatsächlichen Beitrag des elektrochemischen Anteils. Es trat kein Stromfluß und keine Wasserstoffproduktion auf. Die Entfernung der organischen Belastung setzte sich fort, jedoch nur durch konventionelle Schritte. Stickstoff- und Phosphorumwandlungen waren deutlich reduziert, insbesondere die Ammoniumentfernung. Insgesamt zeigte das System ohne angelegte Spannung eine geringere Behandlungsleistung.

Die mikrobielle Elektrolyse im kombinierten System fügte nicht nur passives Biofilmvolumen hinzu. Unter angelegter Spannung lieferte sie einen unabhängigen funktionalen Beitrag zur Stickstoff- und Phosphorumwandlung sowie zur Energierückgewinnung. Ohne Spannung verhielt sich die mikrobielle Elektrolysezelle hydraulisch wie zusätzlicher Reaktorraum, verlor jedoch ihren Mehrwert als bioelektrische Einheit.

Die Studie zeigt, daß integrierte Bioelektrolyse in Kombinationen mit klassischen Systemen im kleinen Pilotmaßstab hohe organische Abbauraten und relevante Stickstoffumwandlungen erreichen können. Gleichzeitig wurde Wasserstoff oder Biogas erzeugt. Dies macht den Ansatz geeignet als energiearme, modulare Vor- und Hauptbehandlung für häusliches Abwasser mit Potenzial zur nützlichen Gasrückgewinnung. Besonders interessant ist, wegen der gegebenen Durchflußmengen und des entsprechenden Gasbedarfs, die Hotelbranche als Markt.

Die  Phosphatentfernung dagegen war zu gering (11–30 %), um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Eine Nachbehandlung in kommunalen Kläranlagen blieb notwendig. Höhere organische Belastungen verschlechterten die Nährstoff- und Feststoffentfernung, sodaß das System nur teilweise für industrielles Abwasser mit höheren Belastungen geeignet war. Für Einleitungs- und Wiederverwendungsstandards waren in industriellen Anwendungen ebenfalls zusätzliche Nachbehandlungsschritte erforderlich.

Die Integration bioelektrischer Reaktoren im Pilotmaßstab in die kommunale Abwasserbehandlung markiert einen spannenden Schritt in Richtung Industrialisierung nachhaltigen Wassermanagements. Durch die Kopplung hoher organischer Entfernungseffizienzen mit gleichzeitiger Wasserstofferzeugung zeigte dieser Ansatz, wie sich Behandlungssysteme von reinen Verbrauchern zu ressourcengewinnenden Plattformen entwickeln können.

Bei Frontis Energy sind wir der Ansicht, daß trotz verbleibender Herausforderungen modulare, energiearme Systeme, die sowohl sauberes Wasser als auch nutzbare Energie liefern, überzeugen. Die nächste Phase wird die Verfeinerung der Nährstoffumwandlung, die Optimierung des Reaktordesigns für größere Volumina und die Erkundung realer Anwendungen in Bereichen wie Hotellerie und dezentralen Kommunen umfassen. Diese Entwicklung weist auf eine Zukunft hin, in der Abwasserbehandlung nicht nur eine Notwendigkeit ist, sondern ein Treiber für Innovationen der Kreislaufwirtschaft.

Estrada-Arriaga, et al. 2024, Performance of a pilot-scale microbial electrolysis cell coupled with biofilm-based reactor for hou­sehold wastewater treatment: simultaneous pollutant removal and hydrogen production. Bioprocess and Biosystems Enginee­ring, 47, 1929–1950, DOI: 10.1007/s00449-024-03079-0